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Nur noch unterm Tresen erhältlich: Das neue Gaffel 11 ist steng limitiert und durchnummeriert.

Da steckt viel Liebe drin

Die Stadt, der Fußball und das Bier – Kölner halten dem, was sie lieben, die Treue. Aber am Ball bleiben muss man schon. Heinrich Philipp Becker, Chef von Gaffel Kölsch, über Jungfrauen und Magie.

Heinrich Philipp Becker ist bester Laune an diesem Tag Anfang Mai, aber da ist der 1. FC Köln auch noch nicht abgestiegen. Wie wild wischt er auf seinem iPhone herum, bis er das Bild von seinem neuesten Baby gefunden hat. »Supercool, oder?«, fragt er, bis oben hin gefüllt mit Erwartung. Auf dem Display eine Flasche, so wie sie die Münchner Privatbrauer Augustiner und Tegernseer bis heute verkaufen. Das Etikett, retro-elegant, zeigt die elf Hermelinschwänze des Kölner Stadtwappens. Sie erinnern an die heilige Ursula. Die bretonische Königstochter und ihre zehn jungfräulichen Gefährtinnen wurden einer Legende nach von Attilas Söldnern vor den Toren Kölns ermordet. »Und das allercoolste ist der Kronkorken«, sagt Becker. Der sei einem Turntable* nachempfunden. »Da steckt viel Liebe drin.«

Heinrich Philipp Becker ist Geschäftsführender Gesellschafter der Privatbrauerei Gaffel Becker & Co. OH G, und die bauchige Flasche ist seine neueste Erfindung – Gaffel 11. »Elf Jungfrauen, elf Hermelinschwänze, 11.11. – Elf ist in Köln eine magische Zahl«, sagt er. Deshalb habe Gaffel 11 auch nur elf Prozent Stammwürze, es sei milder und süffiger als das normale Kölsch: »Wir gehen in die Szene, Art Cologne, Belgisches Viertel, Night of the Raging Bulls und so weiter.« Die limitierte Auflage von – na klar – 11.000 Flaschen ist längst vergriffen. Neulich seien sogar Importeure aus London dagewesen.

Gaffel 11 soll die Erfolgsgeschichte von Augustiner oder dem Tannenzäpfle von Rothaus nacherzählen. Mit der heiligen Ursula und dem Turntable ist sein neues Produkt eine Mixtur aus Tradition und Innovation. Und es ist gleichzeitig ein Produkt all jener Zutaten, die das Geschäft einer mittelständischen Traditionsbrauerei in der heutigen Zeit erklären. Einer Portrait Die Stadt, der Fußball und das Bier – Kölner halten dem, was sie lieben, die Treue. Aber am Ball bleiben muss man schon. Heinrich Philipp Becker, Chef von Gaffel Kölsch, über Jungfrauen und Magie. Zeit, in der die Deutschen immer weniger Bier trinken, während die Kapazitäten der Brauereien kaum sinken, die Bierpreise aber sehr wohl. Die eigene Marke muss deshalb emotional so aufgeladen werden wie ein iPhone. Oder die Brauereien versuchen, sich mit alkoholfreien Produkten dem Abwärtstrend zu entziehen.

Alkohol raus, Vitamine rein

Dass eine Brauerei nicht alkoholabhängig bleiben muss, hat Becker schon vor zwei Jahren begriffen, als er begann, mit der Fassbrause Bionade Konkurrenz zu machen. Schon als er 2007 seinen Anteil an der Kosmetikkette Freshnails verkaufte und ins väterliche Unternehmen einstieg, setzte er nicht wie die Konkurrenz auf Kaktusfeige und Litschi, sondern lieber auf Zitrone als Geschmacksrichtung, die er mit alkoholfreiem Bier zu Fassbrause mixte. »Zitrone ist ehrlicher«, sagt er. Und verweist gleichzeitig auf die Folsäure. »Geschmacksneutral, aber Schwangere schwören drauf«, sagt er. Und dann erzählt er, dass die Fassbrause nur einen Monat früher zur Welt kam als seine kleine Tochter. Zum Beleg wischt er aus seinem iPhone ein Bild der Kleinen hervor, auf dem sie natürlich Fassbrause trinkt.

Dass das Getränk nicht nur ihr schmeckt, lässt sich in Köln-Porz besichtigen. Auf dem Parkplatz vor der Abfüllanlage wechseln sich die Lkw, die das Leergut aus der Stadt bringen, mit den Lastern der Getränkehändler und der Kneipenlieferanten ab. Jede fünfte Palette trägt inzwischen das elfenbeinfarbene Logo der Fassbrause. Es gab Tage, da mussten die Lkw drei Tage lang auf Nachschub warten, weil Gaffel nicht schnell genug nachfüllen konnte, so groß war die Nachfrage. Eigentlich wollte die Brauerei 2010, im ersten Jahr, 5.000 Hektoliter verkaufen, etwa ein Prozent vom Gesamtabsatz. Aber aus 5.000 Hektolitern wurden 26.000, und 2011 sogar 55.000 und ein Marktanteil von über 30 Prozent im Regierungsbezirk Köln. Bionade kommt auf acht Prozent.

Zahlen, die Gaffel plötzlich auf dem Radar der Großen auftauchen ließ. »Krombacher, Holsten und Veltins haben auf einmal auch eine Fassbrause«, sagt Becker. Holsten werbe sogar mit dem Gaffel-Claim »Pure Erfrischung«. »Da fällt einem nichts mehr ein«, sagt Becker. »Sogar die Folsäure ist überall drin.«

Und so ist der Erfolg der Gaffel-Fassbrause auch ein Lehrstück dafür, wie rau es auf dem Biermarkt und seinen Nebenschauplätzen zugeht. Konzerne wie Inbev, Carlsberg oder Heinecken haben zwar in den vergangenen Jahren rund 40 Prozent der deutschen Brauereien aufgekauft, doch lassen sie die übernommenen Marken einfach weiterbrauen, die Kapazität der etwa 1.300 Brauereien ist jedenfalls kaum gesunken, obwohl die Deutschen pro Kopf nur noch 98,2 Liter Bier trinken. Vor 20 Jahren waren es noch 143. Weil die Zahl der Brauereien aber relativ konstant geblieben ist, gibt es zu viel Bier. Also sinken die Preise. Ein Kasten No-name-Plörre ist beim Discounter für weniger als vier Euro zu haben. Und zwei Drittel aller Bierkästen wurden 2011 laut Marktforschung GfK für unter zehn Euro verkauft.

Dass Gaffel in diesem Preiskampf unabhängig geblieben ist, liegt nicht allein am Überraschungserfolg der Fassbrause, sondern an dem Umstand, dass der Markt für Kölsch anderen Gesetzen folgt. Im Großraum Köln gibt es noch »glückliche (Zapf-)Hähne«, Flaschenöffner heißen hier »Ehrenvorsitzender der Kölner Besteckschublade«, und gefeiert wird fast jede Party mit dem Pittermännchen, den Zehn-Liter- Fässchen. »Kölsch gehört wie Karneval und der FC zur Kölner DNA «, sagt Becker. Allerdings beschützt die Brauer der Stadt seit 1985 die Kölsch-Konvention, die mit Segen des Kartellamts festlegt, dass Bier nur Kölsch heißen darf, wenn es auch aus Köln kommt. Auch deshalb verkaufen die Marktführer Reissdorf, Gaffel und Früh ihr Bier mit fast 14 Euro pro Kasten und teilen rund 60 Prozent des Kölsch- Marktes unter sich auf.

Dem schrumpfenden Gesamtmarkt können sie sich allerdings auch nicht entziehen. Deshalb die Fassbrause, deshalb will Becker mit Gaffel 11 in die »Szene « vordringen. »Früher war Bier eine Commodity«, sagt er und meint damit, dass die Flasche beim Abendbrot ganz selbstverständlich eingedeckt gehörte. An die gute alte Zeit erinnert Gaffel in seinem Brauhaus, nur einen Steinwurf entfernt vom Dom, der Kirche St. Ursula und der eigenen Brauerei am Eigelstein 41.


Familiengeschichten

Wenn man so will, ist das Brauhaus so etwas wie Gaffels Flagshipstore und neben Kölsch und Brause Gaffels drittes Standbein. Zwar hat die aufwändige Renovierung acht Millionen Euro gekostet, im vergangenen Jahr sorgten die 750.000 Besucher aber immerhin für 700.000 Euro Gewinn. Beckers Vater Heinrich hat das Brauhaus mit Devotionalien aus seiner Sammlung ausgestattet, es wimmelt von historischen Bierplakaten und alten Emailschildern. An der langen Wand unter der Empore hat Becker junior die zitat. Firmengeschichte seit 1908 nachgezeichnet. Seinen Großvater hat er hier verewigt, eine Schwarzweiß-Aufnahme von der feierlichen Unterzeichnung der Kölsch-Konvention von 1985 und natürlich Bilder von seinem Vater, der 62 Prozent an der Privatbrauerei hält.

Sein Onkel Johannes, dem der Rest gehört, fehlt in dieser Reihe. Dass die beiden Eigentümer irgendwann aufgehört haben, miteinander Kölsch zu trinken, ist in Köln ein offenes Geheimnis. Heinrich Philipp Becker ist es leid, darüber zu reden. Und was das Fass zum Überlaufen brachte, das mag heute sowieso keiner mehr zu sagen. Erst ging es um Spesenrechnungen, dann um Entnahmen, seit Neuestem ermittelt das Kartellamt wegen unerlaubter Preisabsprachen. Und schließlich kulminierte der bizarre Familienstreit in dem Vorwurf der Bilanzmanipulation. Ein Dutzend Rechtsstreitigkeiten sind zwischen Johannes Becker und Heinrich und Heinrich Philipp Becker anhängig. Eine unendliche Geschichte, bei der man nicht weiß, wem man glauben soll, in der man nur fühlen kann, was sie mit den Beteiligten macht. Heinrich Philipp Becker kann sich an einen Familienfrieden jedenfalls nicht erinnern, er hat sich an den ständigen Konflikt gewöhnt und zitiert Umfragen, wonach vier von zehn Unternehmerfamilien zerstritten seien. Inzwischen hält er sogar Vorträge über Konfliktmanagement.

Heinrich Philipp Becker bemüht sich um etwas Neues, er will das alte Geschäft hinter sich lassen. Am liebsten würde er Gaffel mit seinem Bruder Cornelius führen, nicht nur, weil der eine erfolgreiche Karriere bei McKinsey hingelegt hat. Beide verbindet eine enge Freundschaft, und schon bei Freshnails haben sie gut zusammengearbeitet. Dass es bisher nicht dazu gekommen ist, das mag auch an der Angst vor der eigenen Geschichte liegen.

Privatbrauerei Gaffel Becker & CO. OHG

In der Brauerei am Eigelstein 41, nur einen Steinwurf entfernt vom Kölner Dom und der Kirche St. Ursula, wird seit 700 Jahren Bier gebraut – seit 1908 von Beckers Familie unter dem Namen Gaffel, in Erinnerung an die friedliche Kölner Revolution von 1396, als die Kölner Zünfte, die Gaffeln, die Macht in der Stadt übernahmen. Die Mehrheit der Privatbrauerei Gaffel Becker & Co. OHG , 62 Prozent, gehört Heinrich Becker, seinem Bruder Johannes die restlichen 38 Prozent. Dank der starken Marktposition in der Gastronomie ist das Familienunternehmen der siebtgrößte Fassabfüller Deutschlands. Insgesamt braute Gaffel im vergangenen Jahr 440.000 Liter Kölsch. Vor zwei Jahren hat das Traditionsunternehmen überraschend erfolgreich Fassbrause als alkoholfreies Produkt auf den Markt gebracht. Mit 55.000 Hektolitern erwirtschaftete die Mixtur aus Zitronenlimonade und alkoholfreiem Bier im vergangenen Jahr über zehn Prozent des Gaffel-Absatzes. Auch dank der Fassbrause ist der Umsatz der Privatbrauerei 2011 um vier Prozent auf 52 Millionen Euro gestiegen.

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