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Die Chancen sind viel größer als die Risiken

Karl Tack und Max Schön im Interview zur Energiewende

Tack // Herr Schön, Sie sind Aufsichtsratsvorsitzender der Desertec Foundation. 15 Prozent des europäischen Strombedarfs sollen langfristig durch den in der Wüste erzeugten Strom gedeckt werden. Das klingt vielversprechend. Ist nicht das mangelhafte europäische Stromnetz bzw. dessen schleppender Ausbau eine große Gefahr für den Erfolg des Projekts?
Schön // Bei Desertec geht es um den Umbau unserer Stromproduktion weltweit. In Zukunft werden wir die Energie dort gewinnen, wo sie vorhanden ist, und müssen sie in die Zentren des Verbrauchs transportieren. Diese Aufgabe stellt sich unabhängig von der Frage, ob es sich um Windenergie aus der Nordsee oder Sonnenstrom aus Marokko handelt. Wir werden dabei neue Planungstechniken und auch mehr Unterstützung in der Bevölkerung brauchen.
// Wo sehen Sie im nationalen Kontext die Zukunft der Erneuerbaren Energien?
// Ich glaube nicht, dass diese Aufgaben national angegangen werden sollten. Sonnenkollektoren auf deutschen Dächern helfen nicht dabei, die erforderlichen Trinkwassermengen in Nordafrika zu produzieren. Gelingt es aber nicht, gute Lebens- und Arbeitsbedingungen in Nordafrika zu etablieren, werden viele ihre Heimat verlassen müssen – in Richtung Europa. Wir müssen sowohl international denken als auch in dezentralen Kleinlösungen und Groß-Kraftwerken. Uns rennt die Zeit davon. Wir müssen alle Optionen gleichzeitig anpacken.
// Bei allen Erfolgsmeldungen zum Ausbau der Erneuerbaren Energien: Werden die Energieeffizienz bzw. Einsparungen und der Ausbau von Speichertechnologien nicht zu oft vernachlässigt?
// Genau. Wir brauchen einen Ausbau des Handels mit CO2-Zertifikaten, ein ökologisches Steuersystem, aber auch Instrumente wie zum Beispiel einen Top-Runner-Ansatz nach japanischem Muster, bei dem das jeweils effizienteste Produkt die Benchmark für eine ganze Branche setzt.
// Die Gesetze der sogenannten Energiewende muten bei genauer Betrachtung sehr planwirtschaftlich an. Ist das wirklich nötig?
// Hätten wir schon früher auf mehr Marktwirtschaft im Umweltschutz gesetzt, hätten wir uns das ersparen können. Andererseits waren nicht gerade die Unternehmen die treibende Kraft für eine Energiewende. Mit der Initiative 2°, in der ich vor wenigen Woche den Vorstandsposten übernommen habe, wollen wir wieder Vorreiter in der Debatte werden. Es würde mich freuen, wenn die Familienunternehmer sich auch an der Suche nach neuen Lösungen beteiligen würden.
// Viele Unternehmer befürchten Nachteile durch die Energiepolitik. Steigende Stromkosten und Spannungsschwankungen machen besonders den energieintensiven Industrien Investitionsentscheidungen schwer. Sehen Sie das ähnlich? Oder begreifen Sie die Weichenstellung eher als Chance?
// Ich sehe die Risiken, aber bin überzeugt davon, dass die Chancen viel größer sind. Die Frage ist, ob wir Europäer unseren Vorsprung bei den neuen Technologien noch halten können oder nach Asien abgeben werden. Die ganze Welt ist auf der Suche nach neuen Modellen, wir könnten sie liefern. Warten wir nur ein wenig zu lange, dürften wir sie wohl nur noch importieren.

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